Hilfe suchen. Hilfe finden.

Körperliche und psychische Gewalt in Partnerschaft und Familie erfahren auch Männer1. Doch in solchen Situationen Hilfe zu suchen, kollidiert häufig mit den gängigen Bildern von Männlichkeit. Man(n) versucht nach außen stark und souverän zu wirken, fühlt sich aber innerlich isoliert, unverstanden, schwach oder voller Angst. Sich trotz dieser inneren Zerrissenheit Hilfe zu holen und Unterstützung in Anspruch zu nehmen, sollte für Männer - wie für alle Menschen - selbstverständlich sein. Denn in Sachsen betrug der Anteil von häuslicher Gewalt betroffener Männer in den Jahren 2015 und 2016 in den polizeilichen Anzeigen jeweils circa 32%2 , d.h. fast jeder dritte Betroffene war ein Junge oder Mann. Der Anteil von betroffenen Männern schwankte über die verschiedenen Gewaltformen und ist bei sexualisierten Straftaten mit etwa 10-15% (darunter vor allem Kinder) am niedrigsten und bei schwerer Körperverletzung am höchsten mit ca. 43%.

Dennoch scheuen viele Betroffene, sich an eine Beratungsstelle zu wenden. Dafür zu sensibilisieren ist Ziel der Landesfachstelle Männerarbeit Sachsen und der Kampagne „Mann, gib dich nicht geschlagen“.

Dass heute Männer für solche Schutzangebote sensibilisiert werden, verdanken die in diesem Feld arbeitenden Menschen dabei in sehr starkem Maße den Engagierten für von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen1. Frauenberatungs- und Schutzangebote leisten seit Jahrzehnten wertvolle Arbeit und sammeln Erfahrungen auf dem Gebiet des Gewaltschutzes. Sie legen damit die Grundlage, dass von häuslicher Gewalt betroffenen Männern überhaupt Schutz und Hilfe angeboten werden kann.

Die Kampagne „Mann, gib dich nicht geschlagen“ umfasst sieben Motive und zwei Slogans, um die Vielfalt der Zielgruppe Männer in jungen und älteren Familien- und Beziehungskonstellationen darzustellen.

Männer reden häufig nicht bzw. können nicht über emotionale Erfahrungen reden, daher unser Slogan „Männer leiden leise“. Das Reden darüber wurde und wird ihnen während des Aufwachsens mit Sprüchen wie „ein Indianer kennt keinen Schmerz“ ein stückweit aberzogen. Negative Erlebnisse oder Misserfolge zuzugeben, gilt als unmännlich und wird von anderen Männern heruntergespielt oder belächelt. Das zu ändern, möchte die Kampagne, d.h. offen über Gefühle zu reden, Ängste zu benennen, Hilfe zu suchen. „Mann, gib dich nicht geschlagen“ ist dabei bewusst provokativ gewählt und regt dazu an, Bewältigungsstrategien jenseits bekannter Muster auszuprobieren. Es hilft am besten, sich anderen zu öffnen, über seine Gefühle zu sprechen und (professionelle) Hilfe zu suchen, anstatt Konflikte nur mit sich selbst auszumachen. Keinesfalls ist Zurückschlagen eine Option.

Die meisten Alltagsstreitigkeiten und Konflikte treten innerhalb bestehender Partnerschaften auf, und diese belasten natürlich auch Männer - ob sie es aussprechen oder nicht. Kommt es beispielsweise nach einer Trennung zum Sorgerechtstreit, haben Männer oft das Nachsehen. Klassisch-patriarchales Denken spricht Frauen in der Kindererziehung die besseren Fähigkeiten zu – und entzieht viele Väter dem aktiven Umgang und der Betreuung der Kinder. Doch aktive Vaterschaft hat viele Vorteile. Unter anderem zählen dazu das Wohlbefinden und die Widerstandsfähigkeit von Kindern, eine später höhere Lebenszufriedenheit, bessere Stressbewältigung und Frustrationstoleranz, sowie realistische Selbstwirksamkeitserwartungen und positiver Selbstwert der später erwachsenen Kinder.

Noch immer gewinnen viele Männer über den Beruf einen Großteil ihrer Identität. Dynamisch und erfolgreich sollen sie sein - der erschöpfte oder überforderte Mann passt nicht ins Rollenbild. Dabei kommt Mann auch manchmal ins Trudeln, ist belastet von der Hektik des Arbeitsalltags, von Anforderungen oder Druck bis hin zu Mobbing am Arbeitsplatz. Kommen dann noch psychische oder physische Gewalt zuhause dazu, ist es höchste Zeit, sich Hilfe zu holen. 

Und auch, wenn sie in punkto Häufigkeit und Intensität erheblich weniger vorkommen, müssen explizite Gewalthandlungen von Frauen an Männern mit thematisiert werden. Dass auch Frauen ihre Partner oder Mütter ihre Söhne (und Töchter) körperlich angehen, passt nicht ins vorherrschende Bild, nach dem Frauen Opfer und Männer Täter sind. Statistisch häufiger sind dabei Delikte psychischer Gewalt, die Frauen gegen Männer begehen, etwa Dauerdruck oder der Entzug von Geld. Das Thema ist sehr mit Scham belastet und betroffene Männer gelten als unmännlich oder „Weichei“ - gerade auch bei anderen Männern oder der Polizei. 

Die meisten Gewalthandlungen finden im sozialen Nahraum zwischen aktuellen oder ehemaligen (Ehe-)Partnern statt. 2016 waren bei 37% der betroffenen Männer (2015: 40%) Ehe- bzw. Lebenspartner des anderen Geschlechts dafür verantwortlich, bei den betroffenen Frauen waren es 75% (2015: 77%). Manche Partnerinnen definieren Männlichkeit über wirtschaftlichen Erfolg und bauen darüber Druck auf, bis Mann den Ansprüchen nicht mehr genügen kann. Manipulatives Vorgehen ist keine Seltenheit. Vor allem psychische Folgeerscheinungen bis hin zu Suizid(versuch)en belasten den emotionalen Haushalt. Geben Sie sich dem Druck nicht geschlagen, holen Sie sich bitte Hilfe.

Wie auch in heterosexuellen Lebensgemeinschaften, kommt es in homosexuellen Beziehungen zu Streitigkeiten, die in Gewalthandlungen münden können. Zusätzliche Hürden können auftreten, da insbesondere männliche Homosexualität auch institutionell noch manches mal mit Vorurteilen konfrontiert wird. Druck von außen und vom Partner bringt Mann auch hier an seine Grenzen. Nötig sind sowohl gesellschaftliche Toleranz als auch Self-Empowerment. Wenn häusliche Gewalt in solchen Kontexten vorkommt – holen Sie sich bitte Hilfe.

Nicht zuletzt Menschen in Familien mit Migrationshintergrund erleben spezifische Gewaltwiderfahrnisse. Einige religiöse Interpretationen z.B. des Christentums oder des Islams beinhalten patriarchale Wertvorstellungen und Männlichkeitsbilder, die einen offenen Umgang mit Sexualität und Begehren blockieren. Dadurch können etwa Homosexualität stark abgewertet oder Zwangsehen legitimiert werden. Ebenso können Fluchterfahrungen und damit verbundene Traumata ein Auslöser für gewalttätiges Handeln sein. Auch hier ist Hilfe möglich.

„Mann, gib dich nicht geschlagen“ – eine Kampagne mit sieben Motiven, um die Vielfalt der Zielgruppe Männer zu adressieren, sie zu sensibilisieren und zum Hilfe suchen zu motivieren. Das sollte selbstverständlich sein, ist es aber noch lange nicht.


Die Landesfachstelle Männerarbeit Sachsen berücksichtigt in ihren Texten die Vielfalt von Geschlechtern, auch wenn dies hier nicht durch explizite Zeichensetzung deutlich wird.

2 Zahlen dieses Textes entstammen dem „Lagebericht Häusliche Gewalt“ des LKA Sachsen, 2015 und 2016. Diese Zahlen spiegeln nicht das reale Gewaltgeschehen wider, sondern stellen das polizeiliche Hellfeld dar, also jene Fälle die zur Anzeige gebracht wurden. Insbesondere bei familiären Gewalthandlungen wird allerdings von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen, die hiermit nicht erfasst ist.

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